»

Leben im Heim

In Deutschland lebten von 1945-1990 über eine Million Kinder und Jugendliche in Säuglings- oder Kinderheimen, in Werkhöfen und Jugendwohnheimen. Das Leben getrennt von den Eltern und Geschwistern ist durch eine Vielzahl von Besonderheiten gekennzeichnet.

Lieder und Gedichte

platz


Kindheit ist immer auch Singen und Reimen. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit Lieder gelernt, die sie das ganze Leben lang begleiten. Vieles wird vergessen, manches aber schläft und scheint vergessen, aber irgendwann kommt die Melodie oder der Text erneut in den Sinn. Es sind häufig sehr einfache, aber eben deshalb auch sehr ergreifende Lieder oder Gedichte.

 
 
 
  Logo  
 
             

 

Ein Lied aus dem Kinderheim Woischke, indem Ursula Burkowski mit 9 Jahren war.

 
Lied - auf dem Weg zur Arbeit
 
 
 
  Logo  

Wir wollten heute Baden gehen,
da fing es an zu regnen.
wir gingen dann zur LPG,
um Unkraut zu ziehen.

Distel und Milben gab es da,
wo sonst der Mais gewesen war.
Abends krochen wir nach Haus,
Hände und Knie sahen schmutzig aus.

.................................................
.................................................
Unsere Rücken waren ganz krumm,
von der Arbeit wum di wum.

             

 

Ein Gedicht von Heide Jothal (Name auf Wunsch der Autorin geändert)

 
Sie haben mich nicht gewollt
 
 
 
  Logo  

Sie haben mich nicht gewollt
Meine Erzeuger
Diese Erkenntnis ist bitter
Sie sind fortgegangen

Ohne sich umzusehen
Das Kind liegt im Bettchen
lacht, ist vergnügt;
es weiß nichts von ihrem Plan,

Weiß nicht, dass es jetzt allein ist.
Eine Schwester betritt den Raum,
hebt den Säugling aus dem Bett
fährt mit zarten Händen über den kleinen Kopf,

eine Träne rollt über das Gesicht.
Sie weiß von diesem Beschluss.
Noch ein Menschenkind mehr,
das einsam sein wird.

             

 

Ein Gedicht von Regina Kantelberg - Alten-Celle

 
Heimweh. Heimweh.
 
 
 
  Logo  

Heimweh. Heimweh.
Ach, ich möcht so gerne heim,
einmal noch bei Mutterle sein.

Ich bin ja so traurig,
die Heimalt, die Heimat,
sie liegt so weit, wohl übers Meer.

Vater, Mutter,
einmal mocht ich euch noch sehn.
Ich würd vor Sehnsucht vergehn.

             

 

Ein Gedicht von Regina Eppert

 
Schuld
 
 
 
  Logo  

Frohe Kinder, reine Herzen. Wurden des Tages einfach weggebracht.  
Hat sie aus ihrer Welt vertrieben. Wer hat sie da nur hingeschafft,
da wo sie im Dunkeln aufgewacht. Kann es einer sagen? Kann es einer fragen?
Keiner wollt es sagen, wo sie sind geblieben.

Viele Kinder, keine Herzen. Wort wie: "Du böses Kind",
Namen wurden nicht genannt, es war die Nummer vier oder fünf...
Warum hat man es da hingeschafft, in die Welt der Abscheulichkeiten.
kann es sagen, keiner wollte fragen, wo man sie hat hingebracht.

Es Kind so klein, mit sich allein. Es Kind, dass sich nicht wehren kann...
Keine Zeit für sie erteilt, mal zu toben, mal zu spielen.
Kinder der Sünde hat man sie genannt, keiner hat gespielt mit ihnen.
Keiner wollt sie haben , keiner konnte fragen, wo man sie hat hingebracht.

Kleine Kinder wurden einfach weggeschafft. Ins Bett gepackt und angeschnallt,
das war für Jahre ihr "Da-Heim". Keiner wollte es wissen, keiner sah genauer hin.
Lästig waren diese Kinder, da hat man lieber weggeschaut.

"Große Kinder", viele Fragen. Keine Zeit zu leben, keine Zeit zur Fröhlichkeit.
Wem können sie es sagen, sollten sie es wagen, sagen,
dass man sie geschändet hat. Keine will es wissen, keiner will es sagen...

Wer war denn jetzt der Bösewicht, wem kann man danach fragen,
sind sie auch noch schuldig? Und sollten sie sich schämen?
"Alte Kinder", einsam und allein. Wer kennt all ihre Namen und wer kennt ihr Leid.

             

 

Ein Gedicht von Birger Heymann

 
Zerstörtes Ich
 
 
 
  Logo  

Keiner wollt es wissen, keiner wollt es sagen.

Frohe Kinder mit reinem Herzen,
wurden einfach weggeschafft.
Konnten sich nicht wehren, war'n zu klein und ohne Kraft.
Keiner wollt es wissen, keiner wollt es sagen.

Sind im Dunkeln aufgewacht, wer hat sie dahin geschafft?
Man hat sie aus ihrer Welt vertrieben, verloren, vergessen, zerrieben.
Warum hat man weggeschaut,
die Kinder schrie'n doch ziemlich laut.
Keiner hat's gehört, niemand hat's gestört.
Keiner wollt es wissen, keiner wollt es sagen.

Ein Kind so klein, allein mit sich,
ins Bett gepackt, zerstörtes Ich.
Die Nonnen fesselten die Kleinen,
denk ich dran, muss bitter weinen.
Keiner wollt es wissen, keiner wollt es sagen.

Abscheulichkeiten unbedacht,
geschändet wurde nur bei Nacht.
Das Wimmern kann ich heut' noch spüren.
noch unschuldig die Kinderseelen.

Unterm Bettdeck ganz brutal,
jede Nacht die gleiche Qual.
Kann ein Mensch das je vergessen,
verzeihen, geht nicht. Auf Grund dessen.
Zerstörtes Ich. Zerstörtes Ich.
Die Täter bleiben unter sich,
Schuld eingestehn, das können sie nicht.

             

 

Heimkind Blues von Armin Emrich

 
Heimkind Blues
 
 
 
  Logo  

Kaum das Licht der Welt erblickt,
hat man mich ins Heim geschickt
40 Betten im großen Saal
und Prügel vom lieben Gott die reinste Qual.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so solltes wohl sein.

Durfte kaum die Schule von innen sehen,
nur Arbeit im Stall und zur Ernte gehen.
Essen fassen in Reih und Glied,
Schnauze halten, weil Gott alles sieht.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so solltes wohl sein.

Sonntags in die Kirche zum Beten,
allein der Pope darf reden.
Selbst durfte man sich nicht anfassen,
aber den Pfarrer an seinen Pimmel lassen.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so solltes wohl sein.

Als Zögling hatte man nichts zu melden,
eigene Meinung hatte nichts zu gelten.
Die Kindheit war zum Verfluchen,
den Beruf durfte man sich auch nicht aussuchen.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

Lang war die Zeit bis zur Volljährigkeit,
und dann war man endlich zur Revolution bereit.
Erst spät zu Abitur und Studium,
für eine Karriere war die Zeit längst schon um.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

Der Traum davon, sein eigener König zu sein,
war ausgeträumt, man blieb das dumme Schwein.
Hatte man nur einmal vom eignen Leben gesprochen,
war das Vertrauen auch schon gebrochen.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

Als Heimkind bleibt man Migrant im eignen Land,
man ist stigmatisiert und für immer gebrannt.
Denn die Psychologie hat uns gelehrt,
ein Heimkind ist deppert und lebt verkehrt.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

So wie eine Gesellschaft mit den Ärmsten umgeht,
Ist nur Ausdruck dafür wie ihr lebt.
Ihr leugnet die Qual durchs Kapital,
das euch beherrscht und uns allemal.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

Nicht wir sind eure Sklaven, und jetzt die Migranten.
Wir sind mehr als eure Bekannten,
hört auf uns mitleidig zu begaffen. Denn wir sind Könige
und ihr seid die Affen.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
stattdessen nur Ärger, so sollt es wohl sein.

Blickt nicht auf uns als Opfer herab,
sonst bringt ihr euch selber ins Grab.
Denkt nicht immer nur defizitär, schließlich haben wir unsere Stärken,
und das ist sehr viel mehr.
Von klein an geträumt mein eigner König zu sein,
denkt einfach anders. Dann kann ich es sein.