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Aufarbeitung

Die Aufarbeitung der Heim- erziehung hat drei Ziele. Sie soll den Betroffenen helfen, einen Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung mit gesell- schaftlichem Unrecht leisten und sie zielt darauf, für die Zukunft eine Verbesserung der Ausbildung pädagogischer Be- rufe zu erreichen.

Aufarbeitung Heimerziehung

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Die Aufarbeitung vergangenen Unrechts ist mühselig und für viele Menschen mit seelischen Schmerzen verbunden. Dennoch ist es häufig besser, diese Mühe auf sich zu nehmen und diese Scherzen zu erleiden, als die Vergangenheit einfach ruhen zu lassen.       Logo  

Die Aufarbeitung der Heimunrechts des 20. Jahrhunderts ist keine DDR-Spezifische oder eine gesamtdeutsche Angelegenheit. In vielen Teilen der Welt (Schweiz, Canada, Irland, Australien, Österreich, usw.) haben sich ab den 1960er Jahren Menschen gefunden, die auf das Leiden vieler Kinder in "Anstalten" und Heimen aufmerksam machten. Dazu zählten aber nicht nur Kinder in Jugendhilfeeinrichtungen, sondern auch Kinder, die von zuständigen Behörden an Bauern "verliehen" wurden, um auf deren Höfen zu arbeiten. (Verdingkinder, Schwabenkinder) Irgendwann hat dies dazu geführt, dass sich weiter Teile der Öffentichkeit und der Politik damit befassten.

Auf dieser Seite soll ein kurzer Überblick über die Geschichte, die sich in Deutschland bis zur Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung vollzog, geboten werden.

             

 

Die Enquête-Kommission des Bundestages 1992

 
     
Die politische Aufarbeitung der Heimerziehung begann nicht erst im Jahre 2008 mit der Errichtung des Rundes Tisches Heimerziehung.       enquetkle


Bereits kurz nach der Wende hat der Deutsche Bundestag eine Enquête-Kommission "Zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" (1992) eingerichtet.Die Kommission bestand aus 43 Mitgliedern (16 Abgeordnete, 16 Stellvertreter und 11 Sachverständige) und war damit die bislang größte Enqu1ete-Kommission in der deutschen Geschichte. Am 31. Mai 1994 legte sie ihren ersten Bericht vor. Er umfasste 300 Seiten und wurde durch etwa 15.000 Seiten Protokolle und Expertisen ergänzt. Bis zum Abschluss der Arbeit (1998) wurden es 32 Bände mit ca. 31.000 Druckseiten. Es sollte eine Bestandsaufnahme der DDR werden.

Viele Themen konnten aber nur angeschnitten werden. Dazu zählte die DDR-Heimerziehung. Auf sehr wenigen Seiten sind die Zustände in DDR-Jugendwerkhöfen kritisiert worden. Damals stand insbesondere der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau im Mittelpunkt und schon damals war allen nach der Lektüre deutlich, dass dort Zustände herrschten, die eine weitere Beschäftigung verlangen. Allerdings vollzog sich die weitere Beschäftigung zunächst außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Es bildete sich eine Initiativgruppe in Torgau, die an der Aufarbeitung weiterarbeitete, aber diese Gruppe hatte nur sehr beschränkte Möglichkeiten und nur durch sehr viel ehrenamtlicher Inititative konnte später erwirkt werden, dass der ehemalige Jugendwerkhof nun eine Gedenkstätte beherbert. An eine Entschädigung wurde damals nicht gedacht.

Es dauerte sehr lange bis das Thema Heimerziehung in der DDR erneut in die Schlagzeilen geriet, nämlich in Folge der Bemühungen des "Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren in der BRD".

             

 

 

 

Der Runde Tisch Heimerziehung - West

 
 
2008 wurde ein sogenannter "Runder Tisch" zur Aufarbeitung der Heimschicksale für die Heimkinder einberufen, d ie im ehemaligen Westteil Deutschlands in Kinderheimen lebten      

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Dieser Runde Tisch wurde vom Bundestag eingerichtet, weil andere Formen der Aufarbeitung - z.B. eine juristische Aufarbeitung - verjährt waren.Die Leitung erhielt Antje Vollmer. Nach anstrengenden Diskussionen, an dem die Interessen der Politik,der Öffentlichkeit und der Betroffenen häufig sehr emotional aufeinanderprallten ist gemeinsam ein Bericht verabschiedet und ein Fonds eingerichtet worden.Der Bericht ist 2010 erschienen und beschreit in drei Perspektiven - rechtliche, pädagogische und psychologische Aspekte - die Situation in den Kinderheimen der Bundesrepublik Deutschland von 1949-1975. Der Zeitrahmen wurde so gewählt, weil ab ca. ab der zweiten Hälfte der 60ger Jahre die sogenannten "Heimkampagne" einsetzte, in deren Folgen die Zustände in den Kinderheimen aufgedeckt und verbessert wurden. Dieser Prozess hat allmählich zu einer anderen Heimlandschaft geführt (Kontrollen, Qualitätsmanagement usw.), sodass sich das Unrecht aus der Zeit davor ab ca. 1975 nur vereinzelt nachweisen lässt.

Die vom Runden Tisch in Auftrag gegebenen Expertisen sind sehr lesenswert. Sie belegen, was bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. In der Bundesrepublik Deutschland haben bis ca. 1975 sehr viele Kinder in öffentlichen Erziehungseinrichtungen unter menschenverachtenden und grausamen Bedingungen gelebt. Die Rechtsexpertise ist von Friederike Wapler verfasst worden. Sie war damals (2010) Juristin an der Universität Göttingen und hat später mit uns an den Expertisen für die ehemaligen DDR mitgearbeitet. Silke Gahleitner, damals Hochschule Alice Salomo, verfasste die Psychologische Expertise unter dem Titel: "Was hilft ehemaligen Heimkindern bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung". Unter dem Titel: "Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre. Maßstäbe für angemessenes Erziehungsverhalten und für Grenzen ausgeübter Erziehungs- und Anstaltsgewalt" hat Frau Carola Kuhlmann die pädagogische Sicht dargestellt.

Diese Expertisen bildeten gemeinsam mit dem Endbericht die wissenschaftliche Grundlage für eine Fonds, der vom Bund, den Ländern und den großen Kirchen eingerichtet und finanziert wurde. Der Fonds hatte die Aufgabe, die sogenannten Folgeschäden des Heimaufenthaltes zu mildern.  (http://www.fonds-heimerziehung.de/)

             

 

Die Aufarbeitung in Berlin - der Bericht "Heimerzieung in Berlin 1945-1975/1945-1989"

 
 
Im Dezember 2010 hat das Land Berlin eine Forschergruppe berufen, die die Heimsituation in Berlin - in Ost und in West - untersuchen sollte. In Berlin konnte und wollte man die Aufarbeitung der ost und west Heimerziehung nicht trennen. Man berief deshalb Exerten der Hochschulen in dieses Gremium, die für Gesamtberlin eine Studie verfassen sollten.
Dabei waren die ASH (Silke Gahleitner), die KHS (Jürgen Gries) und die EHB (Karsten Laudien). Die Studie erschien im August 2011 (Heimerziehung in Berlin. West 1945-1975. Ost 1945-1989. Annäherungen an ein verdrängtes Kapitel Berliner Geschichte, im Auftrag der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung).
     

Berlinerbericht

Sie enthält neben einen Anzahl von Zeitzeugenberichten die Darstellung der Sitation im Westen, die sich auf den Aufschwung der Jugendhilfe um das Jahr 1968 konzentriert ("Heimkampagne") und die Schilderung der Situation im Osten, die vor allem auf die politische Dimension sozialistischer Erziehung hinweist (K. Laudien, Chr. Sachse: Politische, rechtliche und pädagogische Rahmenbedingungen der Heimerziehung in Ost-Berlin 1945-1989).
Dieser Bericht hat vielfältige Kritik und Zustimmung erfahren. Es war damit jedoch ein erstes "quasi offizielles Dokument", in dem einerseits die Gemeinsamkeiten mit der westdeutschen Heimerziehung und andererseits die Besonderheiten der DDR-Situation beschrieben wurden.

           

 

 

Die Expertisen und der Bericht zur Aufarbeitung der Heimsituation in der DDR

 
     
Im Herbst 2011 gab das Bundesministerium des Innern drei Expertisen in Auftrag, die die rechtlichen und pädagogischen Rahmenbedingungen und Besonderheiten sowie die psychologischen Auswirkungen. Die rechtlichen Aspekte war Friederike Wapler verantwortlich (Rechtsfragen der Heimerziehung in der DDR); die psychologen Probleme der Heimerziehung beschrieb Martin Sack und Ruth Ebbinghaus (Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung). Besonders kompliziert gestaltete sich die Aufarbeitung der Ost-Pädagogik. Dies lag vor allem daran, dass es kaum Vorarbeiten gab. Es bildete sich deshalb ein kleines Team (Karsten Laudien, Christian Sachse, Anke Dreier-Horning und Laura Hottenrot), das in relativ kurzer Zeit einen relativ umfangreichen Text verfasste (Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der DDR). Dieser Text enthält zum ersten Mal die statistischen Eckdaten und eine Fülle von weiteren Informationen, die bis heute die Grundlagen für die weitere Forschung darstellt.       ExpertisenDeckblatt


Der gemeinsame Bericht, der die Ergebniss zusammenfasst ist von Claudia Kittel verfasst worden. Sie bekleidet heute die Monitorin-Stelle zur UN-Kinderechtskonvention beim Deutschen Institut für Menschenrechte. Ziel dieser Arbeiten war es, auch den DDR-Heimkindern den Zugang zum Fonds und damit zu finanziellen Hilfen zu ermöglichen und andererseits Bedingungen zu beschreiben, für die das Strafrechtliche Rehabilitierungsgesetz (StrRehaG) zuständig ist.

Der Fonds sollte am 01.06.2012 bereitstehen. Bereits in der Endphase der Abfassung wurde deutlich, dass sich Themenfelder auftaten, für die weiterer Forschungsbedarf bestand.

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Gegenwart

 
     
Ein weiteres Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Karsten Laudien versuchte, einen Teil dieser Themen "vertiefend" aufzugreifen. Dazu gehört die Medikamentenvergabe in den Einrichtungen, die Einrichtungen für Säuglinge und Kleinkinder, die Ausbildung zum Heimerziehung u.v.m.        Logo


Die Ergebnisse des Projektes erscheinen in Form eines Aufsatzbandes 2016 in der Schriftenreihe des DIH - Deutsches Institut für Heimerziehungsforschung. Weitere Informationen unter www.ddr-heimerziehung.de.
Aktuell forscht das DIH- Deutsches Institut für Heimerziehungsforschung gGmbH im Auftrag der Ostbeauftragten seit Juli 2015 zum Thema "Arbeit im Heim". Die Pressemitteilung der Ostbeauftragten finden Sie hier: Pressemitteilung Gleicke 17.9.2015.

Das Projekt Jahrhundertkind des DIH versucht erstmals eine breite Beteiligung von Zeitzeugen der Heimerziehung von 1945-1989 in den Prozess der Aufarbeitung zu involvieren. Die Pressemitteilung finden sie hier: Pressemitteilung Fonds Heimerziehung.